Jahresrückblick: Das war das Tafel-Jahr 2022

Jahresrückblick: Das war das Tafel-Jahr 2022

Foto: Reiner Pfisterer

2022 hat den Tafeln und ihren Kundinnen und Kunden viel abverlangt: Der Krieg in der Ukraine und seine Folgen, die steigende Inflation und die anhaltende Pandemie forderten uns heraus, haben Angst und Sorge ausgelöst und Kraft gekostet. Aber im Tafel-Jahr 2022 erlebten wir auch viel Solidarität, viel Engagement, viel Gemeinschaft. Ein Rückblick auf ein außergewöhnliches Jahr.

Ein halbvolles Regal mit Dosentomaten
2022 erhielten viele Tafeln deutlich weniger Lebensmittelspenden, obwohl immer mehr Menschen Hilfe suchten. Foto: Philip Wilson

Start in ein prekäres Jahr

Bereits zu Jahresbeginn zeichnet sich eine Entwicklung ab, die sich in den kommenden Monaten fortsetzt und verschlimmert: Immer mehr Menschen stoßen an ihre finanziellen Grenzen und suchen Hilfe bei einer Tafel. Gleichzeitig erhalten Tafeln weniger Lebensmittel, die sie verteilen können.

Tafeln arbeiten seit dem Beginn der Corona-Pandemie im Ausnahmezustand. Alle tun ihr Bestes, um sich auch im neuen Jahr weiter zu engagieren. Das wird immer schwieriger: Bereits im Januar und Februar 2022 liegt die Inflation bei rund fünf Prozent, Preise steigen unerbittlich. Viele Menschen wissen nicht, wie sie ihre Stromrechnung bezahlen oder sich ausgewogen ernähren sollen. Gezielte Corona-Hilfen für Menschen mit wenig Geld fehlen. Der Paritätische Gesamtverband, in dem Tafel Deutschland Mitglied ist, berechnet: Der Regelsatz für einen alleinstehenden Erwachsenen müsste 678 Euro betragen, um armutsfest zu sein. Hartz IV liegt mit monatlich 449 Euro deutlich darunter.

Eine Tafel-Helferin zieht  Einweghandschuhe an.
Foto: Philip Wilson

Das Tafel-Jahr 2022 beginnt gleichzeitig mit weniger Spenden. Nach viel Unterstützung zu Weihnachten brechen die Spenden erfahrungsgemäß in den ersten Monaten des neuen Jahres ein. Dazu kommt, dass Supermärkte ihre Bestellungen nun immer genauer planen oder Ware günstiger verkaufen, statt sie zu spenden.

Tafeln freuen sich deshalb über Unterstützung: Wer Tafeln und ihre Kundinnen und Kunden mit Zeit, Lebensmitteln oder Geld unterstützen möchte, findet die Kontaktdaten der nächstgelegenen Tafel in unserer Tafel-Suche.

Geflüchtete aus der Ukraine erhalten in Prag Lebensmittel. Foto: Czech federation of food banks

Viele Geflüchtete aus der Ukraine bei Tafeln und europäischen Lebensmittelbanken

Der russische Angriff am 24. Februar auf die Ukraine hat uns zutiefst schockiert. Krieg bedroht Menschenleben, schafft unfassbares Leid und tiefe Armut. Viele Menschen fliehen, um ihr Leben zu retten. Sie erfahren in Europa viel Solidarität: Der Verband der europäischen Tafeln und Lebensmittelbanken, kurz FEBA, sammelt Geld und Lebensmittel, um sie an die Lebensmittelbanken in Ländern wie Polen, Moldawien, Rumänien, Slowakei und Tschechien weiterzuleiten. Als Mitglied der FEBA beteiligt sich auch Tafel Deutschland mit einer Spende. Zudem haben wir die tschechische Lebensmittelbank in Prag mit dringend benötigten Lebensmitteln unterstützt.

In den folgenden Wochen kommen auch in Deutschland zahlreiche Geflüchtete aus der Ukraine an. Tafeln helfen unermüdlich: Einige verteilen Notfallpakete, warme Malzeiten, Lebensmittel oder Hygieneprodukte. Andere kooperieren mit lokalen Hilfsorganisationen und bringen ihnen Lebensmittel für die neu angekommenen Menschen.

Doch auch bei unseren Lebensmittelausgaben stehen immer mehr Geflüchtete vor der Tür. Überforderte Behörden schicken sie ohne Ankündigung direkt zur Tafel, damit sie die Zeit bis zur ersten Auszahlung ihrer Sozialleistungen überbrücken können. Das Problem dabei: Tafeln sind kein Teil des Sozialstaates. Wir arbeiten freiwillig und zum größten Teil ehrenamtlich. Geld- und Lebensmittelspenden ermöglichen unsere Arbeit – nicht Steuergelder. Deshalb können Tafeln immer nur ein Zusatzangebot sein, aber niemals die grundlegende Versorgung der Menschen übernehmen.

Ein Tafel-Helfer hält Radieschen in den Händen und schaut kritisch in die Kamera.
Foto: Reiner Pfisterer

Tafeln am Limit

Wie genau wirken sich Inflation und Kriegsfolgen auf die Tafel-Arbeit aus? Das wollten wir von unseren Mitglieds-Tafeln in einer Umfrage wissen. Das erschreckende Ergebnis: Rund zwei Millionen Kundinnen und Kunden kommen im Sommer 2022 zu den 963 Tafeln in Deutschland. Besonders häufig auf Unterstützung angewiesen sind Geflüchtete aus der Ukraine, Erwerbslose, Erwerbstätige mit geringem Einkommen sowie Rentnerinnen und Rentner. 32 Prozent der Tafeln mussten vorübergehend einen Aufnahmestopp einführen; viele zum ersten Mal in ihrer Geschichte. Ihnen fehlen Lebensmittel, Ehrenamtliche oder beides, um allen zu helfen, die nach Unterstützung fragen.

Eine detaillierte Auswertung der Umfrage liest du auf unserer Website.

Foto: Philip Wilson

Europäische Tafeln und Lebensmittelbanken treffen sich in Berlin

Eine wichtige Erkenntnis im Tafel-Jahr 2022: Krisen stehen wir am besten gemeinsam durch. Um aus ihren Auswirkungen auf die Arbeit von Hilfsorganisationen zu lernen, kamen im Oktober Engagierte aus 29 europäischen Tafeln und Lebensmittelbanken zum FEBA-Kongress in Berlin zusammen. Sie berichteten von vielen Aktionen, mit denen sie auf die Folgen der Krisen reagiert haben, beispielsweise Spendenkarten in Supermärkten während der Corona-Pandemie, Weiterverarbeitung von frischen Lebensmitteln, um sie länger haltbar zu machen, und solidarische Unterstützung für die Ukraine.

Tafeln und Lebensmittelbanken sind gelebte Solidarität. Sie sind Beispiele dafür, was die Zivilgesellschaft leisten kann, wenn Staaten und Regierungen zaudern und versagen. Genau wegen dieser enormen Herausforderungen ist es so wichtig, dass wir uns austauschen, dass wir voneinander lernen und zusammenstehen.

Jochen Brühl, Vorsitzender Tafel Deutschland e.V.
Flagge mit dem Text "Armut abschaffen"
Foto: Tafel Deutschland e.V.

Politik und Armut

Laut Paritätischem Armutsbericht 2022 sind in Deutschland 13,8 Millionen Menschen von Armut bedroht oder betroffen. Auch die Zahl der Tafel-Kundinnen und -Kunden lag mit etwa zwei Millionen in diesem Jahr so hoch wie nie zuvor. Bei Tafeln zeigen sich gesellschaftliche Probleme direkt: Wegen Inflation, Kriegsfolgen und viel zu geringer staatlicher Unterstützung gerieten 2022 immer mehr Menschen in finanzielle Not. Nicht zu vergessen die unzähligen Menschen, die nicht zu einer Tafel kommen können oder möchten oder die andere Hilfsangebote nutzen. Sie alle haben nicht die Unterstützung vom Staat bekommen, die sie benötigen würden.

Menschen sollten gemeinnützige Hilfsangebote in Deutschland nie dafür nutzen müssen, ihre Existenz zu sichern. Die Bundesregierung hätte mit der Einführung des Bürgergelds eine wichtige Chance gehabt, die Not nachhaltig zu lindern. Stattdessen erhöhte sie die Regelsätze um gerade einmal 53 Euro auf 502 Euro für eine alleinstehende Person. Das gleicht nicht einmal die Inflation aus und wird Betroffene im neuen Jahr kaum entlasten. Tafel Deutschland unterstützt weiterhin die Forderung nach armutsfesten Regelsätzen, Löhnen und Renten.

Foto: Oliver Vaccaro

Tafel Jugend stärkt junges Engagement bei den Tafeln

Ideen, Energie und Wissensdurst prägten den ersten Kongress der Tafel Jugend: Im August trafen sich Tafel-Aktive zwischen 15 und 31 Jahren aus ganz Deutschland in Berlin. In inspirierenden Workshops, beim gemeinsamen Kochen und bei einer abschließenden Kundgebung im Berliner Regierungsviertel tauschten sie sich aus, vernetzten sich und luden andere ein, über den Tellerrand zu schauen. Damit setzten die jungen Aktiven wichtige Impulse für die Zukunft der Tafel-Bewegung. Mit digitalen Workshops, finanzieller Förderung und virtuellen Stammtischen unterstützt die Tafel Jugend das junge Engagement auch über den Kongress hinaus.

Ein Tafel-leiter hält eine Torte mit der Aufschrift "25 Mio".
2022 kamen bei der Lidl-Pfandspende zunächst die 25. und später die 26. Million am Pfandautomaten zusammen. Foto: Lidl

Wertvolle Unterstützung für die Tafel-Arbeit

Wir sind dankbar für die großzügige Unterstützung von Unternehmen und Privatpersonen. Unsere Mitglieds-Tafeln konnten wir dank der Spenden beispielsweise bei ihren Betriebskosten unterstützen – eine wichtige Hilfe, da die Preissteigerungen auch Tafeln stark treffen. Vom Strom für die Kühlzelle bis zum Sprit für das Tafel-Auto: Helfen kostet Geld.

Bei den größten Unterstützerinnen und Unterstützer der Tafel-Arbeit bedanken wir uns jedes Jahr mit dem Tafel-Teller. 2023 konnten wir über 20 Tafel-Teller persönlich in Berlin überreichen.

Foto: Andreas Henn für DIE ZEIT

Tafel Deutschland erhält Marion-Dönhoff-Förderpreis 2022

Wir freuen uns über diese Wertschätzung für das Engagement der 963 Tafeln: Im Dezember wurde die Tafel-Bewegung mit dem Marion-Dönhoff-Preis für internationale Verständigung und Versöhnung ausgezeichnet. Die Dankesrede unseres Vorsitzenden Jochen Brühl kannst du dir im Video anschauen:

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Zwei Jungs spielen mit selbstgebastelten Drachen.
Foto: Oliver Vaccaro

5 Jahre „Tafel macht Kultur“

Fünf Jahre gemeinsam basteln, gärtnern, spielen. Fünf Jahre gemeinsam kreativ die Welt erkunden – das war unser Programm „Tafel macht Kultur“. Darüber konnten Tafeln seit 2018 Fördergelder beantragen, um kulturpädagogische Projekte für Kinder und Jugendliche zu verwirklichen. Die jüngsten Tafel-Gäste bekamen so in rund 150 Projekten mit knapp 500 Einzelmaßnahmen Zugang zu kultureller Bildung und sozialen Freizeitangeboten.

Zum 31.12.2022 endet die Förderung für „Tafel macht Kultur“. Wir freuen uns jedoch, über unser neues Förderprogramm „Tafel stärkt Kinder“ weiterhin Chancengleichheit für Kinder und Jugendliche zu unterstützen!

Foto: Reiner Pfisterer

Gemeinsam durch das Tafel-Jahr 2022

Bei allen Krisen, Herausforderungen und Anstrengungen: Der engagierte Einsatz der 60.000 Tafel-Aktiven begeistert uns immer wieder aufs Neue. Sie retten Lebensmittel vor der Verschwendung und helfen damit den Menschen, die nicht genug haben. Ganz nach dem Motto: Jeder Mensch kann etwas tun. Gerade weil viele Engagierte selbst mit den Preissteigerungen und Krisen zu kämpfen haben und viele von ihnen auch als Kundinnen und Kunden Lebensmittel bei der Tafel abholen, beeindruckt uns ihr Einsatz.

Wir danken allen Helferinnen, Helfern, Unterstützerinnen und Unterstützern. Danke, dass ihr gemeinsam mit uns dieses Jahr durchgestanden und etwas bewegt habt!

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