Mehr Diversität im Ehrenamt

Mehr Diversität im Ehrenamt

© Navina Neuschl

Das ehrenamtliche Engagement der Helferinnen und Helfer ist die tragende Säule der Tafel-Arbeit. Der Einsatz für andere ist sinnstiftend, macht glücklich und erweitert den eigenen Horizont – nicht nur persönlich, sondern auch kulturell. Die Zusammenarbeit von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen lässt über den eigenen Tellerrand hinausblicken und wirkt sich positiv auf Integrationsprozesse aus. 

Rund fünf Prozent der Tafel-Aktiven haben aktuell eine Flucht- oder Migrationsgeschichte. In ganz Deutschland sind Menschen mit Einwanderungsgeschichte im Ehrenamt unterrepräsentiert. Wir haben uns gefragt, was Menschen mit Flucht- und Migrationsgeschichte die Türen öffnet, um ein Ehrenamt aufzunehmen? Gemeinsam mit Expertinnen und Experten aus Politik und Zivilgesellschaft sowie Tafel-Aktiven haben wir uns am 23. März 2022 in einer digitalen Fachveranstaltung ausgetauscht, Herausforderungen benannt, Erfahrungen geteilt und Ideen entwickelt. Welche Hürden müssen abgebaut werden? Wie muss die Zusammenarbeit gestaltet werden? Wie gehen wir mit Widerständen um?

Hürden abbauen, Zugänge erleichtern

Ein Argument, das immer wieder fiel: Der Zugang zu ehrenamtlichem Engagement muss erleichtert werden. Vielen Menschen, die nach Deutschland kommen, ist das Konzept „Ehrenamt“ nicht bekannt. Sie wissen nicht, dass es diese Möglichkeiten gibt und welche Vorteile ein Engagement haben kann. Gleichzeitig fehlt vielen Organisationen, die auf ehrenamtliches Engagement angewiesen sind, der Zugang zu Menschen mit Flucht- und Migrationsgeschichte. Wichtige Brückenbauerinnen und -bauer können hier Migrantenorganisationen sein. Über Multiplikatorinnen und Multiplikatoren kann die Zielgruppe direkt angesprochen werden und zwar dort, wo sie ihre ersten Wochen und Monate in Deutschland verbringen: in Flüchtlingsunterkünften, im Integrations- oder Deutschkurs.

Erfolgsgeschichte aus Potsdam

Wie so eine Zusammenarbeit aussehen kann, hat die Tafel Potsdam gemeinsam mit Netzwerk Migrantenorganisationen Brandenburg – NeMiB e.V. auf der Fachveranstaltung vorgestellt. Die beiden Vereine arbeiten seit 2021 partnerschaftlich zusammen. Die Tafel Potsdam war auf der Suche nach neuen Tafel-Helferinnen und -Helfern und hat mit NeMiB e.V. Kontakt aufgenommen. Bei einem Kennenlernen entstand die Idee, gemeinsam Schnupperbesuche in der Tafel zu organisieren. Tafel-Leiterin Imke Eisenblätter stellte den Interessierten die Arbeit der Tafel vor, zeigte die Räumlichkeiten und zum Abschluss wurde gemeinsam mit weiteren Tafel-Aktiven zu Mittag gegessen. So konnten erste Kontakte in einer lockeren Atmosphäre geknüpft werden. Zwölf neue Helferinnen und Helfer unterstützen seitdem die Tafel Potsdam. In einem Kurzfilm stellen wir die Kooperation vor.  

Angestoßen wurde die Kooperation durch das Tafel-Akademie-Projekt „MOTIV – Maßnahmen zur Offenheit der Tafeln für Interkulturelles und Vielfalt“, das vom Bundesministerium des Innern und für Heimat gefördert wird. MOTIV unterstützt Tafeln dabei, ihr Engagement vielfaltsbewusst, teilhabestärkend und diskriminierungskritisch auszurichten. Im Projekt werden Vernetzungstreffen zwischen Tafeln und Migrantenorganisationen angestoßen und Tafel-Aktive werden in Schulungen für die Themen Rassismus und Diskriminierung sensibilisiert. Zudem werden interkulturelle Aktionen vor Ort finanziell gefördert. Einen Einblick in die Aktionen, die bereits vor Ort umgesetzt wurden, bekommt ihr auf unserem YouTube-Kanal

Tafeln sind Türöffner

„Ich wollte aktiv sein, Kontakte knüpfen und Deutsch lernen.“ Das sagte Amer Khadour auf unserer Veranstaltung, der vor einigen Jahren aus Syrien geflüchtet ist und sich bereits kurz nach seinem Ankommen in Deutschland bei der Tafel engagiert hat. Er war zu Beginn selbst Kunde der Tafel und hat über diesen Weg erfahren, dass die Tafel immer auf der Suche nach Unterstützung ist.

„Das Ehrenamt bei der Tafel hat mir beim Ankommen in Deutschland sehr geholfen. Ich bin dankbar für diese Möglichkeit und die Menschen, die ich über die Tafel kennengelernt habe. Ich habe viel Unterstützung bei der Bewältigung der deutschen Bürokratie erhalten. Ich empfehle jedem, der nach Deutschland kommt, sich ehrenamtlich zu engagieren.“

Amer Khadour

Eigene Vorurteile abbauen

Der Stempel „Mensch mit Fluchterfahrung“ wird auch heute noch häufig pauschalisierend allen Menschen, die nach Deutschland flüchten, aufgedrückt. Sie werden zum Teil nicht als eigenständige Personen gesehen, die Kompetenzen und Know-how mitbringen. Doch genau das ist wichtig, denn viele kommen gut ausgebildet nach Deutschland und unsere Gesellschaft kann von ihnen lernen. Um dies zu ändern, wäre es sinnvoll, wenn mehr Weiterbildungen im Bereich von interkulturellen Themen angeboten werden, sodass auch wir, als Deutsche, für die Themen sensibilisiert werden, unseren Blick öffnen und Vorurteile abbauen.

Gleichzeitig muss ehrenamtlichem Engagement mehr Wertschätzung entgegengebracht werden und als besondere Engagementleistung anerkannt werden, um mehr Menschen dafür zu begeistern.  

Wie notwendig die Auseinandersetzung mit dem Thema ist, hat die Fachveranstaltung gezeigt. Es ist wichtig, dass wir uns zu den Fragen austauschen, voneinander lernen und gemeinsam Türen öffnen. Zudem der deutliche Appell an die Politik: Hauptamtliche Strukturen sowie finanzielle Unterstützung, zum Beispiel für Räumlichkeiten, sind dringend notwendig, um ehrenamtliches Engagement – in all seiner Vielfalt – in die Zukunft zu führen!


Ein herzliches Dankeschön geht an

Reem Alabali-Radovan (Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration),  Jörn Thießen (Abteilungsleiter der Abteilung H (Heimat) im Bundesministerium des Innern und für Heimat), Martin Lauterbach (Gruppenleiter „Grundsatzfragen der Integration, Integrationsmaßnahmen“ beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge), Imke Eisenblätter (Tafel Potsdam), Diana Chico Alvarez (Projektkoordination INSIST und Vorstandsmitglied bei NeMiB e.V.), Abdou Rahime Diallo (Vorsitzender von NeMiB e.V.), Amer Khadour (Tafel Plauen) und Dr. Hedda Ofoole Knoll (Moderatorin)

für das Mitwirken an der digitalen Fachveranstaltung „Mehr Diversität im Ehrenamt“ der Tafel-Akademie. Die Veranstaltung fand im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus statt.

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