Fotos: Philip Wilson
In Wetzlar gibt es nicht nur eine Tafel, hier befindet sich auch das Lager für Großspenden, das der Landesverband Tafel Hessen betreibt. Ein Besuch zwischen Palettenstapeln und Tiefkühltruhe.
Erich Lindner sitzt am Schreibtisch, er ist warm eingepackt in Schal, Mütze und Winterjacke. Draußen herrschen an diesem Februarmorgen -3°C, drinnen in der Lagerhalle der Tafel Hessen ist es nur wenig wärmer. Konzentriert schaut der stellvertretende Vorsitzende und Landeslogistiker auf seinen aufgeklappten Laptop, klickt sich durch Tabellen und Websites. Hier hat er jederzeit im Blick, welche Waren das Logistikteam der Tafel Deutschland den Tafel-Landesverbänden gerade anbietet und welche Lebensmittel bereits in der Halle des Landesverbandes lagern und an die hessischen Tafeln verteilt werden wollen.


Ein eigenes Büro hat der Logistiker nicht. In der geräumigen Lagerhalle steht ein Schreibtisch an eine schmucklose Wand gerückt, darauf Laptop, Drucker, Thermoskanne und Erichs Kaffeetasse. Die Einrichtung ist so pragmatisch wie die Menschen, die sich hier engagieren. Rund um das provisorische Büro stapeln sich Kisten und Paletten voller geretteter Lebensmittel, die der Landeslogistiker für die hessischen Tafeln angenommen hat.
Lebensmittel retten und umverteilen
13.104 Paletten Lebensmittel hat Tafel Deutschland 2024 von herstellenden Unternehmen gerettet. Je nach Lagerkapazität und Bedarf werden die Spenden auf die Tafel-Regionallager verteilt. „Über das Portal von Tafel Deutschland bekommen wir Waren angeboten. Dort bewerbe ich mich für eine bestimmte Anzahl Paletten; das läuft alles digital“, erklärt Erich Lindner. „Wenn wir den Zuschlag bekommen, wird die Ware hier angeliefert.“






Der Landesverband Hessen stellt aus den Produkten Mischpaletten zusammen und bietet sie seinen 57 Mitglieds-Tafeln an. Heute im Angebot: mehrere Reihen Tomaten in Dosen, darüber gestapelt eingewecktes Gemüse, Kräcker in verschiedenen Geschmacksrichtungen und Tortilla Snacks. So erhalten die hessischen Tafeln mit jeder Palette ein abwechslungsreiches Sortiment. Über eine Onlineplattform sehen sie, was ihr Landesverband aktuell anbietet. „Die meisten Tafeln bestellen eine Palette, manchmal auch zwei“, sagt Erich Lindner. Der Landesverband arbeitet mit zwei Speditionen zusammen, die die fertig kommissionierten Paletten abholen und kostenlos an die Tafeln ausliefern. Einige Tafeln holen die Waren auch selbst ab. So verteilen sich die gespendeten Lebensmittel über ganz Hessen – von der Tafel Hofgeismar im Norden des Bundeslandes bis zur Viernheimer Tafel im Süden.
Haltbare Lebensmittel von Herstellern ergänzen frische Ware der Supermärkte
Seit einigen Jahren sinkt die Spendenmenge aus dem Einzelhandel: 76 Prozent der Tafeln berichteten im vergangenen Jahr, dass sie weniger Lebensmittelspenden erhalten hätten. Supermärkte können dank digitaler Systeme besser disponieren und verkauften selbst mehr Waren zu günstigeren Preisen, statt sie den Tafeln zu spenden. Nachhaltiges Wirtschaften und weniger Verschwendung sind wichtige Entwicklungen, die auch Tafel Deutschland begrüßt. Die Tafeln stellen sie trotzdem vor eine Herausforderung. Deshalb bemühen wir uns zunehmend darum, Lebensmittel bei Herstellern zu retten – hier fällt weiterhin viel vermeidbarer Abfall an.
Während die Tafeln bei Supermärkten, Bäckereien und anderen lokalen spendenden Unternehmen vor allem frische Lebensmittel wie Obst, Gemüse und Backwaren abholen, kommen von Lebensmittelproduzenten länger haltbare Lebensmittel wie Trocken- oder Kühlware. Auch Getränke und Konserven sind öfter dabei. „Anfang dieses Jahres hatten wir unheimlich viele Molkereiprodukte. Das ist aus meiner Erfahrung jedes Jahr so. Die Firmen haben jede Menge produziert, aber Anfang des Jahres wird einfach weniger abverkauft.“
Lebensmittel sicher verteilen
Am hinteren Ende der Halle im Wetzlarer Lager stehen eine Kühl- und eine Tiefkühlzelle, in der die Tafel Hessen die entsprechenden Produkte lagert. Ganz wichtig: Die Kühlkette darf nicht unterbrochen werden, damit die Ware sicher von den Spendern zur Tafel-Kundschaft gelangt. Tiefkühlware zu verteilen, ist daher oft eine Herausforderung, da Tafeln nicht nur eigene Tiefkühltruhen oder -zellen zur Lagerung benötigen, sondern die Ware auch während des Transportes nicht auftauen darf.
Das kommt der Tafel Wetzlar zugute, die nur wenige Autominuten vom Lager entfernt einen ihrer beiden Tafel-Läden betreibt. „Gewisse Ware wie Tiefkühlprodukte holen manche Tafeln aufgrund der logistischen Herausforderung nicht so gerne ab. Da haben wir als Tafel Wetzlar die Möglichkeit, auf andere Produkte zu verzichten und dafür diese Ware zu übernehmen“, erklärt Susanne Ochs, Referentin des Geschäftsführers der Tafel Wetzlar. „Vom Landesverband bekommen wir beispielsweise Eis und Kuchen, manchmal auch Pizza. Die ist heiß begehrt.“ Im Tafel-Laden schiebt ein Helfer den Deckel der Tiefkühltruhe zur Seite, beugt sich hinein und holt für eine Kundin drei Becher Schokoeis heraus. Die nächste Familie freut sich über eine Packung tiefgekühlten Erdbeer-Sahne-Kuchen.

„Der Anteil Lebensmittel vom Landesverband zum Anteil Lebensmittel aus den Supermärkten liegt hier ungefähr bei 40:60. Wir haben 40 Prozent haltbare Lebensmittel und Tiefkühlware und 60 Prozent frische Lebensmittel und Kühlware wie Obst, Wurst oder Joghurt.“
– Susanne Ochs, Referentin des Geschäftsführers der Tafel Wetzlar






Waren für die Tafeln
Zurück im Lager: Engagierte des Landesverbandes fahren Kisten mit dem Hubwagen durch den Raum, packen angelieferte Spenden aus und stellen Mischpaletten für die hessischen Tafeln zusammen. Die körperliche Arbeit zwischen den vielen Paletten hält warm – und sie ist wichtig, damit Tafeln auch länger haltbare Lebensmittel an ihre Kundschaft verteilen können.
Erich Lindner wartet währenddessen geduldig auf die nächste Warenlieferung, die eine Spedition im Laufe des Tages anliefern wird. „Ich bin zu den Tafeln gekommen, weil mich einfach interessiert hat, wie das mit den Menschen läuft, die armutsgefährdet sind, und wie so viele Lebensmittel übrigbleiben. Jetzt mache ich hier die Logistik und sehe immer zu, dass genügend Ware vor Ort ist, damit wir das auch an die Menschen verteilen können. Solange ich das noch machen kann, mache ich weiter. Irgendwann, klar, ist da auch ein Ende, aber noch geht es und das freut mich.“

Für sein ehrenamtliches Engagement bei den Tafeln erhielt Erich Lindner 2024 den Hessischen Verdienstorden. Während einer Feierstunde im Schloss Biebrich in Wiesbaden überreichte ihm der hessische Ministerpräsident Boris Rhein (rechts im Bild) die Auszeichnung. Wir gratulieren Erich Lindner herzlich und bedanken uns bei ihm und seinem Team für den Einsatz!