Fotos Saturday Suppliers: Tafel Jugend
Viele Menschen möchten sich engagieren, können die klassischen Einsatzzeiten der Tafeln jedoch kaum wahrnehmen. Denn die Tafel-Arbeit findet überwiegend werktags und tagsüber statt – genau dann, wenn Berufstätige, Auszubildende und Student:innen meist gebunden sind. Einige Tafeln haben darauf kreative Antworten gefunden: mit Afterwork-Schichten, Hauslieferdiensten und neuen Formen der Zusammenarbeit.
17 Uhr auf dem Berliner Großmarkt. Eigentlich wäre jetzt Feierabend. Doch während viele Tafel-Aktive ihren Arbeitstag beenden, beginnt in der Halle der Berliner Tafel die Abendschicht. Zu Popmusik werden Kisten voller Obst und Gemüse sortiert, Spenden für die Ausgabe vorbereitet und Lebensmittel gerettet. Das Besondere: Hier engagieren sich Menschen, die tagsüber keine Zeit für ein Ehrenamt haben und genau deshalb einen neuen Weg zur Tafel gefunden haben.

Einige sind allein gekommen, andere mit Freund:innen. Eine Gruppe von vier jungen Erwachsenen hat sich für diesen Abend bewusst verabredet, um gemeinsam Lebensmittel zu sortieren. Während aus den Lautsprechern Taylor Swift erklingt, prüfen die Freiwilligen kistenweise Lebensmittelspenden. Verdorbene Ware kommt weg, genießbare Lebensmittel werden für die Weitergabe vorbereitet. Ehrenamtliche und Hauptamtliche arbeiten Hand in Hand.


Fotos: Oliver Vaccaro
Was nach einem ungewöhnlichen Feierabendprogramm klingt, ist Teil eines Konzepts der Berliner Tafel. Mit regelmäßigen Afterwork-Schichten und Formaten wie „Beats und Brokkoli“ möchten die Tafel in der Hauptstadt Menschen erreichen, die helfen wollen, aber tagsüber arbeiten, studieren oder sich nicht langfristig binden können. Die Einsätze werden deshalb bewusst als Themenabende gestaltet – mit passender Musik, lockerer Atmosphäre und der Möglichkeit, unkompliziert mitzumachen. So erhält das Ehrenamt einen besonderen Charakter und spricht neue Zielgruppen an.
Der Erfolg gibt dem Konzept recht: Die Afterwork-Schichten wurden erst im vergangenen Jahr eingeführt und gehören inzwischen zum festen Angebot der Berliner Tafel.
Es ist wie eine Verabredung, ohne dass man sich verabreden muss. Man trifft nette Leute, tut etwas Sinnvolles und kommt immer wieder gerne her.
– Lou (20), Freiwillige bei der After-Work-Schicht der Berliner Tafel
Ehrenamt nach Feierabend
Viele Tafeln kennen die Herausforderung: Ein großer Teil der Arbeit findet tagsüber statt. Das sind häufig die Zeiten, in denen Berufstätige, Student:innen oder Auszubildende selbst beschäftigt sind.
Gleichzeitig zeigt die aktuelle Tafel-Umfrage, wie groß der Handlungsbedarf ist:
⚠️ 32 Prozent der Tafeln geben an, nicht genügend Ehrenamtliche zu haben.
Neue Freiwillige zu gewinnen, gehört damit zu den wichtigen Zukunftsaufgaben der Tafel-Bewegung. Flexible Formate können dabei helfen, Menschen anzusprechen, die sich engagieren möchten, aber keine regelmäßige Verpflichtung eingehen wollen.
Die Resonanz gibt dem Konzept recht. Lukas (30) ist zum ersten Mal dabei: „Sortieren und Musik hören, das klang nach Spaß haben und gleichzeitig etwas Gutes tun. Die Tafel fand ich sowieso schon immer eine tolle Sache. Ich könnte mir gut vorstellen, wiederzukommen. Gerade weil man sich nicht langfristig festlegen muss, lässt sich das gut in den Alltag integrieren.“
Nicht jede Woche kommen zu müssen, macht das Angebot so attraktiv. Man kann sich engagieren, wenn man Zeit hat, und trotzdem etwas Sinnvolles beitragen.
– Nils (22), Freiwilliger bei der After-Work-Schicht der Berliner Tafel
Die Berliner Tafel zeigt: Flexible Angebote können Menschen erreichen, die für klassische Ehrenamtsstrukturen oft schwer zu gewinnen sind. Dass daraus sogar langfristiges Engagement entstehen kann, zeigt ein Projekt aus Nordrhein-Westfalen.
Vertrauen schafft Engagement: die Saturday Suppliers
Dass junge Menschen Verantwortung übernehmen möchten, zeigt das Projekt „Saturday Suppliers“ der Tafel Niederberg. Entstanden während der Corona-Pandemie, beliefern die jungen Ehrenamtlichen seit 2020 mobilitätseingeschränkte und kranke Tafel-Kund:innen mit Lebensmitteln direkt nach Hause. Für ihr Engagement wurden sie 2022 mit dem Ehrenamtspreis NRW ausgezeichnet.
Das Besondere: Die Tafel-Leitung überträgt den jungen Freiwilligen viel Verantwortung. Die Hauslieferungen werden weitgehend eigenständig organisiert und ergänzen die reguläre Tafel-Arbeit.
Heute gehören rund 50 Ehrenamtliche zum Projekt, 30 bis 40 von ihnen engagieren sich regelmäßig. Jeden zweiten und vierten Samstag beliefern sie etwa 40 Haushalte in Wülfrath, Velbert und Heiligenhaus. Bei den Hauslieferungen sind inzwischen häufig rund 20 Freiwillige im Einsatz. Das Interesse ist so groß, dass mittlerweile eher die verfügbaren Fahrzeuge als die Bereitschaft zu helfen das Angebot begrenzen.

Dass das Projekt auch nach mehreren Jahren erfolgreich besteht, liegt nicht zuletzt am starken Gemeinschaftsgefühl. Durch persönliche Ansprache, Werbung an Schulen und Hochschulen sowie eine gute Einarbeitung gewinnen die Saturday Suppliers immer wieder neue Freiwillige. Aus dem Ehrenamt sind Freundschaften entstanden – und aus einer spontanen Hilfsaktion ein dauerhaftes Erfolgsmodell.
Das Beispiel zeigt: Junge Menschen sind keineswegs grundsätzlich unbeständig. Wenn sie Verantwortung übernehmen dürfen, sich willkommen fühlen und eigene Ideen einbringen können, entsteht oft langfristiges Engagement.


Viele Wege führen ins Ehrenamt
Die Berliner Tafel und die Saturday Suppliers verfolgen unterschiedliche Ansätze, haben aber ein gemeinsames Ziel: Ehrenamt an die Lebensrealität der Menschen anzupassen.
Weitere Tafeln gehen ähnliche Wege. Die Tafel Dresden bietet Abendschichten an, damit Berufstätige nach Feierabend Lebensmittel sortieren können. Die Tübinger Tafel setzt unter anderem auf Einsätze am Wochenende. Eine Möglichkeit, die besonders für Student:innen und Vollzeitbeschäftigte attraktiv ist.
Die Tafel Nordhorn hat gute Erfahrungen mit generationenübergreifenden Teams gemacht. Dort profitieren junge und erfahrene Ehrenamtliche voneinander: Es wird gemeinsam gearbeitet, gelacht und diskutiert. Erfahrung trifft auf frische Ideen.

Auch digitales Ehrenamt eröffnet neue Möglichkeiten. Social-Media-Kanäle betreuen, Pressemitteilungen schreiben, Spendenaktionen organisieren oder die Website pflegen: Viele Aufgaben lassen sich zeit- und ortsunabhängig erledigen und machen ein Engagement auch dann möglich, wenn die Mitarbeit vor Ort schwierig ist.
Die Beispiele zeigen: Es gibt nicht den einen Weg, neue Freiwillige zu gewinnen. Erfolgreich sind vor allem die Tafeln, die Strukturen hinterfragen und unterschiedliche Formen des Engagements ermöglichen. Denn viele Menschen möchten helfen, wenn das Ehrenamt zum Leben passt.

Du möchtest mitmachen? Wende dich an die Tafel in deiner Nähe und frage sie noch Möglichkeiten für ein Engagement! Die Kontaktdaten findest du über unsere Tafel-Suche.
