Fotos: Reiner Pfisterer
Zwischen Kisten voller geretteter Lebensmittel, digitaler Einsatzplanung und dankbarer Tafel-Kundschaft: Im 25. Jahr ihres Bestehens begleiten wir die Pirmasenser Tafel einen Tag lang bei ihrem Engagement.
7:45 Uhr: Der Tag bei der Pirmasenser Tafel beginnt
Mit geöffneten Hecktüren stehen drei Fahrzeuge in einer Reihe vor der Pirmasenser Tafel. Die Fahrer und Beifahrer legen stapelweise zusammengeklappte Kisten in den leeren Laderaum der Sprinter. Sie sind die ersten, die am Morgen eines der beiden wöchentlichen Ausgabetage in der Tafel eintreffen, um die Fahrzeuge vorzubereiten.

Ein Fahrer und ein bis zwei Beifahrer sind pro Tour unterwegs. In jedem Tafel-Auto immer mit an Bord: ein Tablet. Darüber arbeitet der Beifahrer mit der eco-Plattform und erfasst unterwegs die Anzahl der Lebensmittelkisten digital, die das Team an jeder Station einsammelt.
Wenn die Fahrer-Teams ihre Tablets in Empfang genommen haben, starten ihre Touren und sie fahren in unterschiedliche Richtungen los.
8:00 Uhr: Start der Abholtouren
„Ganz viel Brot und Gemüse, aber auch eine Menge Obst, das noch richtig gut aussah. Ich konnte wirklich nicht glauben, dass wir so viel bekommen haben“, sagt einer der Fahrer. Er schüttelt immer noch ungläubig den Kopf, wenn er an seine erste Schicht vor einem knappen halben Jahr denkt. Dass jeden Tag so viele Lebensmittel verschwendet werden, war ihm nicht bewusst – umso überzeugter engagiert er sich seitdem bei der Pirmasenser Tafel, um etwas dagegen zu tun.
Zusammen mit wechselnden Beifahrern übernimmt der Rentner einmal pro Woche eine Abholtour mit einem der Tafel-Autos. Ihr Ziel: Supermärkte, Discounter, Bäckereien und andere lokale Lebensmittelhändler, die sie auf einer festgelegten Strecke nacheinander anfahren, um Spenden abzuholen.



Jeder Fahrer parkt seinen Sprinter in der Nähe von Laderampen und Liefereingängen der Unternehmen. Mit eingeübten Handgriffen packen die Teams anschließend die Kisten ins Fahrzeug, die die Einzelhändler für sie gepackt und bereitgestellt haben.
Erkennen die Ehrenamtlichen verdorbene Waren auf den ersten Blick, sortieren sie diese bereits beim Spender aus. Den Rest verstauen sie im Tafel-Auto und lassen für jede mitgenommene volle Kiste eine leere, saubere Kiste beim Spender. In wenigen Minuten sind sie fertig und fahren zur nächsten Station.






10:30 Uhr: Ausladen und sortieren in der Pirmasenser Tafel
In der Pirmasenser Tafel sind mittlerweile weitere Ehrenamtliche eingetroffen, bei Kaffee und einem fröhlichen Plausch bereiten sie den Sortierraum und die Ausgabe vor. Wo sich jedes Fahrzeug gerade befindet und auf wie viele Kisten sich die Engagierten in der Tafel einstellen können, sieht das Team jederzeit am Laptop über die eco-Plattform. Das erleichtert die Vorbereitung.




Nach und nach kommen die drei Fahrzeuge mit den eingesammelten Lebensmitteln zurück. Die Fahrerteams räumen die vollen Kisten gemeinsam mit anderen Ehrenamtlichen aus – dafür nutzen sie Sackkarren, um rückenschonend arbeiten zu können, denn gefüllt mit Äpfeln, Kartoffeln oder Getränken können die vollen Kisten ganz schön schwer werden.
Die unsortierten Kisten voller Obst und Gemüse tragen die Tafel-Aktiven in den kleinen Sortierraum, den sie liebevoll „grünen Salon“ nennen. Auf U-förmig aufgestellten Tischen warten hier viele leere Kisten nebeneinander, in die die Ehrenamtlichen nun Obst und Gemüse sortenrein legen. Was nicht mehr genießbar ist, kommt in die aufgeklappte Biotonne, die mitten im Raum steht. Der gute Rest in die bereitgestellten Kisten, immer nach dem Grundsatz: „An unsere Gäst:innen verteilen wir nur, was wir selbst noch essen würden.“
Salat, Gurken und Brokkoli machen, gründlich sortiert, dem grünen Salon alle Ehre. Aber auch rote Paprika, braune Champignons und gelbe Zwiebeln füllen nach und nach die vielen Kisten.





Was nicht Obst und Gemüse ist, tragen die Gelfer:innen direkt in den deutlich größeren Ausgaberaum. Dazu gehören beispielsweise Backwaren und haltbare Lebensmittel wie Konservendosen, Nudeln und Süßigkeiten. Auch Molkereiprodukte und sonstige Kühlwaren wie Wurst, Tofu oder Kartoffelsalate kommen hier an. Die Ehrenamtlichen sortieren alle Lebensmittel gründlich und räumen sie direkt an den Platz in den Regalen. Als letztes bringt das Team die fertig sortierten Kisten mit Obst und Gemüse in den Ausgaberaum.




Die ersten Engagierten brechen nun auf. Für einige ist ihr heutiger Einsatz beendet, andere werden nach einer etwa zweistündigen Mittagspause wiederkommen und bei der Ausgabe helfen.



Für sein Team immer ansprechbar vor Ort: Wolfgang Nikolaus, seit fast zwei Jahren ehrenamtlicher Vorsitzender der Pirmasenser Tafel. Im Berufsleben arbeitete er lange als Filialleiter einer Bank, anschließend acht Jahre im Jobcenter, bevor er vor vier Jahren in Rente ging. Der gebürtige Pirmasenser ist nun seit drei Jahren bei der Tafel aktiv: „Als Schüler habe ich das Gebäude miterrichtet, in dem unsere Tafel heute ist. Mit meinem Ehrenamt schließt sich für mich der Kreis.“ Das Gebäude im Süden der mittelgroßen Stadt ist heute barrierefrei ausgebaut und beherbergt die Pirmasenser Tafel im Erdgeschoss.

Die Tafel ist der Höhepunkt meiner Karriere. Die Kombination aus strukturierter Arbeit und der Möglichkeit, Menschen in Notsituationen zu helfen, passt für mich einfach.
– Wolfgang Nikolaus, Vorsitzender Pirmasenser Tafel e.V.
Neben der eco-Plattform erleichtern dem Team auch andere digitale Hilfsmittel die Arbeit. „Früher haben wir Dienstpläne per Post verschickt“, erklärt Wolfgang Nikolaus. „Heute nutzen wir dafür WhatsApp-Gruppen und können uns viel flexibler und schneller verständigen. Haben wir zu wenige Ehrenamtliche für eine Schicht, schreiben wir das in die Gruppen und bekommen immer spontan Hilfe.“


Über die eco-Plattform miteinander verbunden: der Laptop in der Tafel und die Tablets, die mit den Beifahrern unterwegs sind.
Zwar gab es anfangs Widerstand, als die Tafel die eco-Plattform einführen wollte, doch der Vorstand konnte sein Team überzeugen: „Wir haben alle ins Boot geholt und Schulungen angeboten. Wir beziehen unsere Ehrenamtlichen immer ein und können Entscheidungen dadurch einvernehmlich treffen.“
12:00 Uhr: Lieferdienst für Kinder

Während die Ehrenamtlichen in den Tafel-Räumen die eingesammelten Kisten sortieren, bricht ein Fahrerteam erneut auf. Es fährt Lebensmittel zu Schulen in Pirmasens.
Die Landesregierung in Rheinland-Pfalz fördert Schulfrühstücke nur noch bis zur 4. Klasse. Ältere Schüler:innen sind auf sich gestellt, gerade für Kinder aus einkommensschwachen Haushalten bedeutet das häufig Verzicht. Deshalb sammelt das Tafel-Team Spenden über seine Kinder-Tafel und beliefert Realschulen in Pirmasens mit gesunden Lebensmitteln. So wartet auf die Kinder und Jugendlichen in der Schule eine leckere Mahlzeit, die sie gemeinsam mit ihren Freund:innen einnehmen.
Als das Tafel-Fahrzeug mitten in einer Unterrrichtspause auf den Schulhof fährt, scharen sich die Kinder sofort freudig drumherum und schauen neugierig auf die Kisten voller Orangen und Salat, die die Tafel-Helfer ausladen und ins Schulgebäude bringen.
14:30 Uhr: Die Lebensmittelausgabe öffnet
Zurück in der Pirmasenser Tafel, die im Januar 2027 ihr 25. Jubiläum feiern wird. Knapp 100 Menschen werden hier heute Lebensmittel für ihren Haushalt abholen. Bei der letzten Ausgabe erhielten die Kund:innen nach Zufallsprinzip eine Nummer zugeteilt, die ihnen heute zeigt, wann sie dran sind. Da die Nummern bei jeder Ausgabe wechseln, kommt jeder Haushalt mal früher und mal später dran.

Als ein Ehrenamtlicher Punkt 14:30 Uhr die Tür öffnet, hat sich bereits eine kleine Schlange gebildet. Jeder Gast und jede Gästin meldet sich zuerst am Empfang an. Dort kontrolliert ein Tafel-Helfer ihren Ausweis, dokumentiert ihren Besuch im System am Laptop und teilt ihnen ihre Nummer für die nächste Ausgabe zu.
Wer angemeldet ist, bekommt nun von einem weiteren Helfer einen Einkaufswagen, mit dem jede Person die Stationen der Ausgabe besucht und die erhaltenen Lebensmittel bequem einlädt. Zuerst gibt es Kühlware: Für eine Familie holt die Ehrenamtliche Matjes und Eiersalat aus den Kühlschränken, der nächsten überreicht sie Garnelen und Mozzarella.


An den nächsten Stationen folgen haltbare Lebensmittel und Molkereiprodukte. Hier können sich die Tafel-Kund:innen beispielsweise verschiedene Joghurtsorten aussuchen und Milch mitnehmen. Die Ehrenamtlichen achten dabei immer auf die Haushaltsgröße und versuchen die Lebensmittel möglichst gerecht aufzuteilen.
Unter den vorhandenen Lebensmitteln können sich die Kund:innen das aussuchen, was ihnen schmeckt, schließlich sollen die geretteten Produkte zuhause nicht im Müll landen. Verteilen kann jede Tafel aber immer nur das, was sie gespendet bekommen hat – eine Garantie, bestimmte Lebensmittel zu erhalten, gibt es nicht.



Nach den Eiern folgen für die Tafel-Kund:innen Stationen mit viel Obst und Gemüse und schließlich die breite Bäckerei-Theke. Hier gibt es Brot, Brötchen, Kekse und süße Teile. Als Höhepunkt warten heute verschiedene Kuchen- und Tortenstücke auf die Tafel-Kund:innen.

„Wir sind so froh, dass es die Tafel gibt“, sagt uns eine ältere Frau, als sie das Gebäude mit einem randvoll gepackten Einkaufstrolley verlässt.

Spätestens 17:30 Uhr: Feierabend!
Je nach Kundschaftsaufkommen kann die Ausgabe bis zu zwei Stunden dauern. Hat der letzte Gast die Tafel verlassen, räumen die Ehrenamtlichen die leeren Kisten zusammen und übergeben nicht verteilte Lebensmittel an die lokale Foodsharing-Gruppe. Mit den Grünabfällen der Tafel füttert ein Nachbar seine 200 Hühner.
Zum Abschluss eines Tages, an dem das Tafel-Team viel bewirkt und geholfen hat, reinigt es alle Räume. Damit sie am nächsten Ausgabetag wieder frisch in ihr Ehrenamt starten können.
