Fotos: Reiner Pfisterer
Zum Tafel-Tag am 15. September 2026 plädiert Andeas Steppuhn, Vorsitzender von Tafel Deutschland und ehemaliger Vorsitzender der Tafel Sachsen-Anhalt, für eine aktive, solidarische Gesellschaft. In seinem Beitrag zeigt er auf, wie freiwilliges Engagement die Demokratie festigt und Menschen in Krisenzeiten zusammenbringt.

Mitmenschlichkeit stärkt unsere Gesellschaft. Ein offenes Ohr und eine helfende Hand können Menschen in der Nachbarschaft, aber auch organisiert in gemeinnützigen Strukturen zusammenbringen. Das durfte ich in meinen über 20 Jahren in der Tafel-Bewegung immer wieder selbst erleben. Und darin sehe ich gerade jetzt in polarisierenden, beängstigenden Zeiten eine nicht zu unterschätzende solidarische Kraft.
Die brauchen wir jetzt dringender denn je. In meinen Besuchen bei Tafeln merke ich, dass viele Menschen Angst haben. Angst vor Armut, Angst vor Spaltung, Angst vor Ausgrenzung. Angst davor, dass ihre Lebenshaltungskosten noch weiter angehoben werden, aber Gehälter, Renten und Sozialleistungen nicht Schritt halten. Schauen wir auf die aktuellen politischen Entwicklungen, sind die Ängste und Sorgen berechtigt.
Deswegen treten wir bei den Tafeln für Sozialreformen ein, die Armut wirksam bekämpfen und soziale Sicherheit schaffen. Für alle Menschen, nicht auf Kosten von bereits sozial benachteiligten Menschen und Minderheiten.

Gleichzeitig sehen wir jeden Tag, wie positiv persönliche Begegnungen und gemeinsames Engagement wirken. Knapp 27 Millionen Menschen engagieren sich laut dem Sechsten Deutschen Freiwilligensurvey ehrenamtlich. Sie löschen Brände mit der Freiwilligen Feuerwehr, trainieren Kinder im Fußball oder retten Lebensmittel für armutsbetroffene Menschen bei den Tafeln. 77.000 Menschen packen bei uns an, 94 Prozent von ihnen tun das ehrenamtlich.
Unter den Tafel-Aktiven sind überwiegend Menschen im Rentenalter, aber auch Mitglieder der Tafel Jugend bis 35 Jahre. Viele Freiwillige möchten nach einem erfolgreichen Berufsleben etwas zurückgeben, andere sind einsam und suchen eine Möglichkeit, sich einzubringen. Manche erhalten als Tafel-Kund:innen selbst Lebensmittel und unterstützen zum Dank die Arbeit ihrer Ausgabestelle.


Dieses vielseitige Engagement würdigen wir zum Tafel-Tag am 15. September 2026. Wir wollen Mitmenschlichkeit und Solidarität in die Gesellschaft tragen, das Verantwortungsbewusstsein füreinander schärfen und getreu dem Motto „Teilen, um zusammenzuhalten“ auf den Wert von Gemeinschaft aufmerksam machen. Das Engagement der Tafeln folgt klaren, demokratischen Werten, für die wir gemeinsam eintreten.
Tafeln teilen neben Lebensmitteln auch Zeit mit ihrer Kundschaft und sind so über die Jahre zu Orten der Begegnung geworden. Menschen, die sich sonst vermutlich nie kennengelernt hätten, begegnen sich bei den Tafeln. Ein persönliches Gespräch zeigt oft, dass an den eigenen Vorurteilen nicht viel dran ist. Unsere Menschlichkeit spüren wir nicht in anonymen Diskussionsräumen, sondern wenn wir auf Augenhöhe miteinander sprechen.

Das ist die große Stärke des Ehrenamtes: Statt sich angesichts dramatischer Nachrichten hilflos zu fühlen, verlagert ein Engagement die Aufmerksamkeit in den greifbaren Alltag. Engagierte erleben Selbstwirksamkeit, wenn sie riesige Stapel gespendeter Waren aus eigener Kraft heraus sortieren und später bei der Ausgabe in Gesichter schauen, die sich über eine Tüte voller Obst und Gemüse freuen.
Diese scheinbar kleinen Erlebnisse zeigen, dass jeder sein persönliches Umfeld mitgestalten kann. Eine wichtige Erkenntnis, die auch die Demokratie stärkt: Wir gestalten unsere Gesellschaft gemeinsam und müssen uns Spaltung und Populismus aktiv entgegenstellen. Ehrenamt schafft ein Zugehörigkeitsgefühl, Ehrenamt ermöglicht Teilhabe, Ehrenamt stärkt das Miteinander.
Bevor ich 2023 zum Vorsitzenden des Tafel-Dachverbandes gewählt wurde, habe ich den Landesverband Tafel Sachsen-Anhalt mitaufgebaut und war acht Jahre dessen Vorsitzender. Sachsen-Anhalt ist bis heute mein Zuhause. Ich durfte hier und später in ganz Deutschland viele engagierte Menschen kennenlernen, die Gutes tun. Die Arbeitsbedingungen in den über 980 Tafeln unterscheiden sich zwar, aber eins verbindet sie alle: In den Tafeln kommen motivierte Menschen zusammen, die sich einbringen und die Gemeinschaft zusammenhalten. Die Begegnungen mit ihnen bestärken mich in meinem eigenen Ehrenamt.

Freiwilliges Engagement hält unsere Gesellschaft zusammen
Gerade jetzt müssen wir weitermachen, mehr Zusammenhalt schaffen und für unsere Werte eintreten. Gleichzeitig appellieren wir an die Bundesregierung, mit Reformen soziale Sicherheit zu stärken.
Denn unser Engagement nimmt den Staat nicht aus der Verantwortung, im Gegenteil: Der Einsatz der Tafeln für 1,5 Millionen Menschen macht Armut und die große soziale Ungleichheit in unserem Land überhaupt erst sichtbar. Das erfordert nachhaltige Maßnahmen, die das Existenzminimum aller Betroffenen sicheren, leistbaren Wohnraum ermöglichen sowie Chancengleichheit bei Bildung und Teilhabe schaffen.
Für die Bekämpfung von Armut ist und bleibt die Politik zuständig, aber für den Zusammenhalt in unserer Nachbarschaft und unserer ganzen Gesellschaft müssen wir uns alle starkmachen. Um damit anzufangen, empfehle ich ein Ehrenamt bei den Tafeln. Wer kann, sollte dieses wertvolle zivilgesellschaftliche Engagement zudem als Privatperson oder Unternehmen mit einer Spende fördern. Nur so können wir es erhalten. Lassen Sie uns gemeinsam solidarisch handeln und füreinander da sein.